Howard Carpendale: Der dunkle Schatten hinter dem Rampenlicht – Schlager-Legende bricht sein Schweigen über schrecklichen Kindheitsmissbrauch

Es gibt Menschen, die unser Leben mit Melodien begleiten, die uns trösten, zum Tanzen bringen und uns das Gefühl geben, dass die Welt ein bisschen heller ist. Howard Carpendale ist zweifellos einer dieser Menschen. Seit fast sechs Jahrzehnten steht der gebürtige Südafrikaner auf der Bühne, verzaubert Millionen mit Hits wie „Hello Again“, „Ti Amo“ oder „Das schöne Mädchen von Seite 1“. Sein Lächeln ist sein Markenzeichen, sein Charme legendär. Doch wie so oft im Leben verbirgt sich hinter der strahlendsten Fassade manchmal der tiefste Schmerz. In einem mutigen und unerwarteten Schritt hat der 78-Jährige nun ein Kapitel seiner Vergangenheit aufgeschlagen, das bislang fest verschlossen war: Howard Carpendale wurde als Kind missbraucht.

Ein Jubiläum mit Schattenseiten

Das kommende Jahr sollte eigentlich ganz im Zeichen des Feierns stehen. Sein 60. Bühnenjubiläum wirft seine Schatten voraus, eine Karriere, die ihresgleichen sucht. Doch Carpendale hat sich entschieden, nicht nur auf die goldenen Schallplatten und ausverkauften Arenen zurückzublicken. In seiner neuen Autobiografie, die den treffenden Titel „Unerwartet“ trägt und am 26. November erscheint, wagt er den Schritt ins Dunkle. Er blickt zurück auf den kleinen Jungen in Südafrika, der er einst war, und auf die Unschuld, die ihm viel zu früh und auf brutale Weise geraubt wurde.

Die Enthüllungen, die zuerst durch Auszüge in der „Bild“-Zeitung bekannt wurden, zeichnen das Bild eines verletzlichen Zehnjährigen, der der Willkür eines Erwachsenen schutzlos ausgeliefert war. Es ist eine Geschichte, die wütend macht, die traurig stimmt und die einmal mehr zeigt, dass Reichtum und Ruhm nicht vor den Abgründen des Lebens schützen.

Der “Freund” der Familie

Die Geschichte beginnt scheinbar harmlos, wie so viele Geschichten dieser Art. Die Familie Carpendale lebte damals in Südafrika. Ein englischer Matrose namens Archie, ein Bekannter von Howards Vater, war zu Besuch. Man vertraute ihm. Warum auch nicht? Er war ein Freund, ein Erwachsener, eine Respektsperson. Als Archie fragte, ob er mit dem jungen Howard ins Kino gehen dürfe, sahen die Eltern keinen Grund zur Sorge. Sie gaben ihre Erlaubnis – eine Entscheidung, die Howard Carpendale bis heute, Jahrzehnte später, beschäftigt.

Was als fröhlicher Ausflug geplant war, endete in einem Albtraum. Auf dem Heimweg, so schildert es Carpendale in seinem Buch, führte der Weg durch einen Park. Sie setzten sich auf eine Bank. Ein Moment der Ruhe, dachte man vielleicht. Doch dann geschah es. „Mit seiner riesigen Hand greift er nach meinem linken Knie“, schreibt der Sänger. Die Berührung war nicht väterlich, nicht freundschaftlich. Sie war übergriffig. „Er tätschelt es und lacht. Ein heiseres Lachen. Seine Hand streift mein Bein hinauf. Immer höher.“

Man kann die Angst des kleinen Jungen förmlich spüren, wenn man diese Zeilen liest. Die Paralyse, die eintritt, wenn das Unfassbare geschieht. „Ich erstarre“, erinnert sich Carpendale. Er war zehn Jahre alt. Er wusste vielleicht nicht genau, was hier passierte, aber sein Instinkt schrie Alarm. Doch der Mann ließ erst von ihm ab, als er es für richtig hielt, und brachte ihn nach Hause.

Das Schweigen der Lämmer

Das Schlimmste an Missbrauchsfällen ist oft nicht nur die Tat selbst, sondern die Wiederholung und das Schweigen danach. Archie kam wieder. Nicht nur einmal. Zwei weitere Male nahm er den Jungen mit auf Spaziergänge in den Park. Zwei weitere Male war Howard dieser Situation ausgesetzt, allein mit seiner Angst, unfähig, sich zu wehren oder Hilfe zu holen.

Erst als der Matrose abgereist war, als die unmittelbare physische Bedrohung verschwunden war, fand der Junge seine Stimme wieder. Er vertraute sich seinen Eltern an. Er erzählte ihnen, was geschehen war. Doch die Reaktion, die er erhielt, war nicht die, die ein Kind in Not braucht. Es gab keinen Aufschrei, keine Polizei, keine tröstenden Arme, die versprachen, dass so etwas nie wieder passieren würde. Es gab: Schweigen.

„Es sei eine andere Zeit gewesen damals“, versucht Carpendale heute, das Unbegreifliche einzuordnen. In den 1950er Jahren in Südafrika, wie in vielen Teilen der Welt, sprach man nicht über Sexualität. Themen wie Homosexualität oder gar Pädophilie waren massive Tabus. Sie existierten in der heilen Welt der Gesellschaft nicht, und wenn doch, wurde der Mantel des Schweigens darüber ausgebreitet.

Der Schmerz bleibt

Dieses Schweigen seiner Eltern hat Narben hinterlassen, die vielleicht tiefer sitzen als die Tat selbst. „Und doch tut es weh“, gesteht der Schlagerstar. „Und ich würde meine Eltern gern fragen: Wie konntet ihr das zulassen?“ Es ist der ewige Konflikt des missbrauchten Kindes: Die Liebe zu den Eltern gegen das Unverständnis über ihr Versagen im Moment der größten Not.

Carpendale betont, dass er seinen längst verstorbenen Eltern keine Vorwürfe machen will. Er weiß, dass sie ihn liebten, dass sie – in ihrer Wahrnehmung – immer gut für ihn gesorgt haben. Er möchte nicht an ihrem Charakter zweifeln. Und doch bleibt da diese nagende Frage, dieses „Warum?“.

Heute, mit dem Wissen und der Erfahrung eines fast 80-jährigen Lebens, sieht er die Gefahr von damals viel klarer. „Dieser Mann hätte sonst etwas mit mir anstellen können“, schreibt er. „Er hätte mich umbringen können.“ Die Realisierung, wie knapp er vielleicht einem noch schlimmeren Schicksal entgangen ist, lässt einen erschaudern.

Die Sicht des Vaters

Howard Carpendale ist selbst Vater. Seine Söhne Wayne und Cass sind sein Stolz. Und aus dieser Vaterrolle heraus ist das Verhalten seiner eigenen Eltern für ihn absolut nicht nachvollziehbar. Die Zeiten mögen sich geändert haben, das Bewusstsein für Kinderschutz ist gewachsen, aber der beschützende Instinkt eines Elternteils sollte zeitlos sein.

„Ich hätte meine Söhne Wayne und Cass niemals mit einem solchen Mann gehen lassen“, stellt er kategorisch fest. „Nirgendwohin. Auf gar keinen Fall.“ In diesen Worten schwingt nicht nur die Sorge des Vaters mit, sondern auch die späte Erkenntnis des Opfers, dass das, was ihm widerfahren ist, nicht normal, nicht akzeptabel und verhinderbar war.

Warum jetzt?

Man mag sich fragen, warum ein Mann, der so lange im Rampenlicht steht, so lange geschwiegen hat. Vielleicht brauchte es den Abstand von fast einem ganzen Leben. Vielleicht brauchte es die Ruhe des Alters, um den Mut zu finden, diese Dämonen öffentlich zu benennen. Mit seiner Autobiografie „Unerwartet“ tut Howard Carpendale etwas sehr Wichtiges: Er bricht das Tabu, das seine Eltern damals aufrechterhielten. Er gibt dem zehnjährigen Jungen von damals eine Stimme.

Indem er seine Geschichte teilt, zeigt er, dass Missbrauch jeden treffen kann – auch den strahlenden Star, den wir alle zu kennen glauben. Er zeigt, dass die Wunden heilen können, aber die Narben bleiben. Und er sendet eine wichtige Botschaft an alle Eltern: Schaut hin. Hört zu. Schützt eure Kinder. Denn das Schweigen ist niemals die Lösung.

Wenn Howard Carpendale im nächsten Jahr sein 60. Bühnenjubiläum feiert, werden wir ihn vielleicht mit etwas anderen Augen sehen. Nicht nur als den Entertainer, der „Hello Again“ singt, sondern als den Überlebenden, der den Mut hatte, „Goodbye“ zu den Schatten seiner Vergangenheit zu sagen. Es macht ihn menschlicher, nahbarer und – wenn das überhaupt möglich ist – noch bewundernswerter. Seine Geschichte ist eine Mahnung und ein Hoffnungsschimmer zugleich: Selbst nach dem dunkelsten Kapitel kann das Leben noch viele strahlende Seiten schreiben.

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