„Es hat mir den Boden weggerissen“ – Franziska Preuß spricht über ihre unendliche Trauer und den schmerzhaften Abschied von Laura Dahlmeier
In der Welt des Spitzensports, wo Rivalität oft die Schlagzeilen dominiert, sind die stillen Bande der Freundschaft umso kostbarer. Die Beziehung zwischen Laura Dahlmeier und Franziska Preuß war eine solche seltene Verbindung – geschmiedet im Feuer des Wettkampfs, gehärtet durch unzählige gemeinsame Trainingsstunden und gefestigt durch einen tiefen, gegenseitigen Respekt. Nun, nach dem tragischen Tod Laura Dahlmeiers in den Bergen Pakistans, ist es an Franziska Preuß, Worte für das Unaussprechliche zu finden. In einem bewegenden und zutiefst ehrlichen Moment hat die Biathletin ihr Schweigen gebrochen und einen Einblick in die Abgründe ihrer Trauer gewährt – ein Geständnis, das die Sportwelt innehalten lässt.
„Als ich die Nachricht erhalten habe, hat es mir schlicht den Boden unter den Füßen weggerissen. Es ist ein Schock, eine Leere, die man nicht in Worte fassen kann.“ Mit diesen Sätzen, gesprochen mit brüchiger Stimme, beginnt Preuß ihre schmerzhafte Reise in die Erinnerung. Der Verlust ihrer Weggefährtin ist mehr als der Tod einer ehemaligen Konkurrentin; es ist der Verlust eines Teils ihrer eigenen Geschichte. Jahrelang waren sie die Gesichter des deutschen Biathlons, haben sich gegenseitig zu Höchstleistungen angetrieben, Medaillen gewonnen und Niederlagen verdaut.
Sie waren Zimmerkolleginnen bei Weltcups, teilten Hoffnungen und Ängste, Freud und Leid. Diese gemeinsame Zeit schuf eine Vertrautheit, die weit über die Loipe und den Schießstand hinausging. „Wir mussten nicht immer einer Meinung sein, aber wir wussten, dass wir uns aufeinander verlassen können“, erinnert sich Preuß. „Laura war eine, die immer geradeaus war. Ihre Ehrlichkeit konnte manchmal wehtun, aber man wusste immer, woran man bei ihr ist. Diese Klarheit, diese unglaubliche mentale Stärke – das hat mich immer fasziniert.“
Die Nachricht von Dahlmeiers tödlichem Absturz am Laila Peak traf Preuß völlig unvorbereitet. Inmitten der eigenen Saisonvorbereitung wurde ihre Welt von einer Sekunde auf die andere auf den Kopf gestellt. Plötzlich waren Trainingspläne und Leistungsdiagnostik bedeutungslos. Was zählte, war nur noch der unfassbare Schmerz. „Du funktionierst irgendwie, aber du bist nicht wirklich da. Alles fühlt sich surreal an, wie in einem schlechten Film, aus dem man aufwachen möchte“, beschreibt sie den Zustand der Taubheit, der sie ergriff.
Besonders eine Erinnerung brennt sich schmerzhaft in ihr Gedächtnis ein. Eine letzte, flüchtige Begegnung, wenige Wochen vor Dahlmeiers Abreise zu ihrer schicksalhaften Expedition. „Wir trafen uns zufällig beim Training in den Bergen. Wir haben kurz geredet, gelacht, uns alles Gute gewünscht. Es war so normal, so alltäglich.“ Dieser Moment der Normalität ist es, der sie nun verfolgt. „Man denkt nie, dass es das letzte Mal sein könnte. Es gibt so viel, was ich ihr noch hätte sagen wollen, was ich sie hätte fragen wollen. Diese Unabgeschlossenheit ist quälend.“
Für Franziska Preuß war Laura Dahlmeier nicht nur die überragende Athletin, die scheinbar mühelos Olympiasiege und Weltmeistertitel sammelte. Sie war auch die Frau, die nach ihrer Karriere einen mutigen, kompromisslosen Weg einschlug. Die Entscheidung, dem Biathlon-Zirkus den Rücken zu kehren, um sich ganz ihrer wahren Leidenschaft, den Bergen, zu widmen, nötigte Preuß tiefsten Respekt ab. „Ich habe sie dafür bewundert. Sie hat konsequent das getan, was sie für richtig hielt, was sie glücklich machte. Sie lebte ihre Freiheit, von der andere nur träumen.“
Doch genau diese grenzenlose Liebe zu den Bergen, die Dahlmeier so einzigartig machte, wurde ihr zum Verhängnis. Eine Tatsache, die für Preuß kaum zu ertragen ist. „Es ist so brutal und unfair. Ihre größte Leidenschaft hat ihr das Leben genommen. Man fragt sich nach dem Sinn, aber es gibt keinen. Es bleibt nur diese riesige, schmerzende Lücke.“
Die kommende Biathlon-Saison wird für Franziska Preuß und das gesamte deutsche Team eine Saison der Trauer sein. Jeder Ort, jede Strecke wird Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Laura wecken. Ihr Lachen wird in der Kabine fehlen, ihre Entschlossenheit am Start, ihre souveräne Präsenz am Schießstand. Sie war eine Leitfigur, ein Maßstab, eine Inspiration.
In ihrer Trauer findet Franziska Preuß jedoch auch eine neue Form der Motivation. Sie möchte weiterkämpfen – auch für Laura. „Ich glaube, sie hätte nicht gewollt, dass wir den Kopf in den Sand stecken. Sie war eine Kämpferin, in jeder Sekunde ihres Lebens.“ Diese Stärke, dieser unbedingte Wille, der Laura Dahlmeier auszeichnete, soll nun zu einem Vermächtnis werden, das ihre Teamkolleginnen in Ehren halten. Ihr Verlust hat die Sportwelt erschüttert, doch ihre Haltung, ihr Mut und ihre kompromisslose Liebe zum Leben werden für immer unvergessen bleiben. Franziska Preuß hat eine Freundin verloren, aber die Erinnerung an sie wird ihr ein stiller Begleiter sein – auf jedem Kilometer, bei jedem Schuss, in jedem Moment der Stille.