Rolf Seelmann-Eggebert ist tot: Die leise Stimme der Monarchie und der Gentleman, der die Geheimnisse der Könige kannte
Ein Gentleman hat die Bühne des Lebens verlassen. Die Stimme, die Generationen von Fernsehzuschauern durch die prunkvollen Säle und verborgenen Korridore der europäischen Königshäuser führte, ist verstummt. Rolf Seelmann-Eggebert, der für viele Deutsche das Gesicht und das Gewissen der Adelsberichterstattung war, ist im Alter von 88 Jahren in seiner Wahlheimat Hamburg gestorben. Sein Tod, vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) unter Berufung auf die Familie bestätigt, markiert nicht nur das Ende einer beeindruckenden journalistischen Karriere, sondern auch den Abschied von einer Ära, in der Taktgefühl, tiefgründige Kenntnis und eine unaufdringliche Eleganz den Fernsehbildschirm prägten.
Man nannte ihn ehrfürchtig „Sir Rolf“, obwohl er nie einen Adelstitel trug. Doch seine Haltung, seine präzise Sprache und sein respektvoller, aber stets kritischer Umgang mit den Monarchen Europas verliehen ihm eine natürliche Autorität, die keiner formellen Ernennung bedurfte. Über mehr als vier Jahrzehnte war er der Mann der ARD für die royalen Großereignisse. Wenn in London, Stockholm oder Monaco die Glocken für eine Hochzeit läuteten oder die Flaggen für eine Beerdigung auf halbmast wehten, saß Rolf Seelmann-Eggebert im Studio, ordnete ein, erklärte und übersetzte nicht nur Worte, sondern auch die subtilen Gesten und die ungeschriebenen Gesetze einer Welt, die den meisten verschlossen bleibt. Er war dabei kein bloßer Märchenonkel, sondern ein scharfsinniger Beobachter, der hinter dem Pomp und dem Protokoll stets den Menschen suchte – mit all seinen Stärken, Schwächen und Widersprüchen.
Seine Reise in die Welt des Hochadels begann fast zufällig und doch schicksalhaft. Geboren am 5. Februar 1937 in Berlin, führte sein Weg ihn zunächst in eine ganz andere Richtung. Nach dem Studium der Soziologie, Geschichte und des Staatsrechts in Göttingen, Hamburg und London zog es ihn nach Afrika. Von 1968 bis 1976 berichtete er als ARD-Korrespondent aus Abidjan und Nairobi. Es war dieser Kontinent, den er in seiner Biografie „In Hütten und Palästen“ als seine „große Liebe“ bezeichnete. Die Erfahrungen in den Krisen- und Entwicklungsgebieten der Welt schärften seinen Blick für soziale Ungerechtigkeit und die komplexen Verflechtungen von Macht. Noch im hohen Alter von 81 Jahren kehrte er für eine letzte Reportage nach Kenia zurück, ein Beweis für die tiefe Verbundenheit, die ihn nie losließ.
Der entscheidende Wendepunkt seiner Karriere kam 1978, als er zum Leiter des ARD-Studios in London ernannt wurde. In der pulsierenden Metropole an der Themse, im Herzen der britischen Monarchie, wurden die Weichen für seine Zukunft als Deutschlands Adelsexperte Nummer eins gestellt. Es war die Zeit vor der Hochzeit des Jahrhunderts zwischen Prinz Charles und Lady Diana Spencer. Seelmann-Eggebert erkannte die immense Bedeutung dieses Ereignisses und schaffte es, was damals als unmöglich galt: Er bekam ein Interview mit dem Thronfolger. Wie er später in einem Interview verriet, war dies keinem journalistischen Geniestreich zu verdanken, sondern einer klugen List und menschlicher Verbindungen. Nachdem alle offiziellen Anfragen gescheitert waren, bat er eine deutsche Tante von Charles um Hilfe. Ein Anruf genügte, und der Termin stand. Diese Anekdote ist bezeichnend für seine Arbeitsweise: hartnäckig, aber nie aufdringlich, kreativ und immer auf der Suche nach dem menschlichen Zugang.
Die Live-Kommentierung der Hochzeit von Charles und Diana 1981 katapultierte ihn in die erste Riege der deutschen Fernsehjournalisten. Seine ruhige, sachliche und doch einfühlsame Art machte die komplexe Zeremonie für ein Millionenpublikum verständlich und erlebbar. Es folgten unzählige weitere royale Großereignisse: die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton 2011, für deren Kommentierung er den Deutschen Fernsehpreis erhielt, die Vermählung von Willem-Alexander und Máxima in den Niederlanden oder die von Schwedens Kronprinzessin Victoria. Er begleitete aber auch die dunklen Stunden, wie die Beisetzung von Prinzessin Diana 1997, wo seine Worte Trost spendeten und die weltweite Trauer einordneten. Er war der erste Journalist, der es schaffte, alle sieben regierenden europäischen Königshäuser zu interviewen, ein einzigartiger Erfolg, der auf Vertrauen und Respekt beruhte.
Doch Seelmann-Eggebert war weit mehr als nur der Mann für die Royals. Von 1982 bis 1989 übernahm er als Programmdirektor des NDR Fernsehens Verantwortung. In diese Zeit fiel auch eine der legendärsten Pannen der deutschen Fernsehgeschichte: die versehentliche Ausstrahlung der alten Neujahrsansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl an Silvester 1986. Als organisatorisch Verantwortlicher stand er im Feuer, doch er meisterte die Situation mit einer Mischung aus Aufklärung und Humor, die ihm letztlich mehr Sympathien als Kritik einbrachte. Gemeinsam mit seinem Sohn Florian gründete er später die Produktionsfirma Seelmannfilm und blieb so auch als Unternehmer der Medienbranche verbunden.
Sein Selbstverständnis war das eines kritischen und engagierten Journalisten. Er relativierte gerne seine eigene Nähe zum Adel. „Wenn ich mit einem König auf dem Sofa sitze, dann glauben alle, ich sei nah dran. Aber das täuscht“, sagte er einmal. Seine Popularität erklärte er bescheiden mit dem „Same place, same face“-Prinzip – wer lange genug dasselbe mache, werde zu einer Art vertrautem Möbelstück. Doch diese Untertreibung wird seiner Leistung nicht gerecht. NDR-Intendant Joachim Knuth würdigte ihn in einem Nachruf als vorbildlichen Journalisten, der das Programm entscheidend geprägt habe. „Ob er aus Krisengebieten berichtete, die ungleiche Verteilung des globalen Reichtums thematisierte oder royale Großereignisse begleitete – immer überzeugte er die Zuschauerinnen und Zuschauer durch seine profunde Sachkenntnis und seinen taktvollen Umgang mit Themen und Menschen.“
Seit etwa 2020 hatte sich Rolf Seelmann-Eggebert aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er lebte mit seiner Frau Barbara, die ihren Beruf als Psychologin zu Beginn der Ehe für die Familie aufgegeben hatte, im Wendland. Er hinterlässt drei erwachsene Kinder und Enkelkinder. Mit seinem Tod verliert Deutschland nicht nur einen herausragenden Journalisten, sondern auch einen Mann, der bewies, dass Haltung, Wissen und Menschlichkeit die wichtigsten Währungen in einer sich schnell wandelnden Medienlandschaft sind. Er war ein Leuchtturm der Seriosität in einer oft lauten und oberflächlichen Welt. Sein Erbe ist die Erinnerung an eine Stimme, die uns die Welt der Paläste öffnete, ohne dabei jemals die Verbindung zu den Hütten dieser Welt zu verlieren.