Es sollte der strahlende Triumphzug des Jahres werden, inszeniert mit dem Pomp eines Staatsaktes und finanziert mit einer Summe, die in der deutschen Fernsehlandschaft ihresgleichen sucht. Doch wenige Monate nach dem spektakulären Boxkampf gegen Regina Halmich und der großspurigen Ankündigung, das Fernsehen erneut zu revolutionieren, herrscht Katerstimmung in Köln-Deutz. Stefan Raab, einst der unangefochtene König der Einschaltquote, ist zurück – doch das Publikum scheint es kaum zu interessieren. Was als Rettung des linearen Fernsehens geplant war, entwickelt sich zunehmend zu einem kostspieligen Albtraum für RTL, der nicht nur die Bilanzen, sondern auch den internen Betriebsfrieden massiv belastet.

Der Absturz der Zahlen: Eine brutale Realität
Die nackten Zahlen sprechen eine Sprache, die selbst die talentiertesten PR-Strategen kaum noch schönreden können. Stefan Raabs neues Flaggschiff-Format „Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab“, ursprünglich als Zugpferd für den Streamingdienst RTL+ konzipiert und später ins lineare Fernsehen gehievt, kämpft mit desaströsen Werten. Eine der jüngsten Ausgaben erreichte im klassischen TV lediglich rund 670.000 Zuschauer.
Für einen Primetime-Platz und einen Entertainer dieser Gehaltsklasse ist das nicht nur enttäuschend, es ist ein Debakel. Besonders schmerzhaft: Zur gleichen Sendezeit lockte ein alter Hollywood-Schinken mehr Menschen vor die Bildschirme als das teuer eingekaufte TV-Genie. Auch im direkten Vergleich mit seinem ehemaligen “Baby”, der Show „TV total“ auf ProSieben – inzwischen moderiert von Sebastian Pufpaff – zieht Raab den Kürzeren. Der Schüler hat den Meister überflügelt, und das mit einem Bruchteil des Budgets.
RTLs Verteidigungsstrategie: Die Flucht nach vorn
Trotz der offensichtlichen Quoten-Krise übt sich die RTL-Führung in demonstrativer Gelassenheit, die fast schon an Realitätsverweigerung grenzt. Inga Leschek, die Programmgeschäftsführerin von RTL und Architektin des Deals, stellt sich bedingungslos vor ihren Star. In einem bemerkenswerten Interview mit dem Spiegel erklärte sie jüngst, die traditionelle Quotenmessung liefere „maximal die Hälfte der Wahrheit“.
Lescheks Argumentation stützt sich auf die neue Währung der Medienwelt: Streaming-Abrufe und zeitversetztes Fernsehen. Sie betont, dass Raab im Streaming-Bereich durchaus noch Abos generiere und eine enorme mediale Resonanz erzeuge. Stolz verweist sie auf 74.000 Artikel, die seit der Verpflichtung Raabs über ihn geschrieben wurden. Doch Kritiker wenden ein: Medienresonanz bezahlt keine Rechnungen, und Artikel über schlechte Quoten sind kaum die Art von PR, die sich ein Sender wünscht. Dass RTL bislang keine konkreten, verifizierbaren Streaming-Zahlen veröffentlicht, nährt zudem den Verdacht, dass auch diese „andere Hälfte der Wahrheit“ weniger rosig aussieht, als behauptet.

Interne Unruhe: Wenn der Haussegen schief hängt
Während die Chefetage die Situation schönredet, brodelt es an der Basis. Berichte von Mitarbeitern zeichnen das Bild einer „angeheizten Stimmung“ innerhalb des Senders. Der Frust ist greifbar. RTL hat sich vertraglich auf fünf Jahre an Raab gebunden, mit einem kolportierten Gesamtvolumen von bis zu 90 Millionen Euro. In Zeiten, in denen Budgets für andere Redaktionen und Formate gekürzt werden und der Spardruck im Medienhaus allgegenwärtig ist, wirkt dieser gigantische Geldfluss in Richtung eines schwächelnden Stars wie eine Provokation.
Mitarbeiter berichten anonym von der Sorge, dass die teuren Experimente des „Raab-Entertainment“-Imperiums auf Kosten derer gehen, die seit Jahren verlässlich das Programm füllen. Wenn Millionen für eine Show verbrannt werden, die weniger Menschen sehen als das Nachtprogramm, stellt sich unweigerlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Die Diskrepanz zwischen dem internen Sparkurs für die Belegschaft und dem Füllhorn, das über Raab ausgeschüttet wird, sorgt für eine vergiftete Atmosphäre.
Ist der “Raab-Humor” noch zeitgemäß?
Ein tieferliegendes Problem, über das bei RTL ungern laut gesprochen wird, betrifft den Inhalt selbst. Stefan Raab war in den 90ern und 2000ern ein Innovator. Er war frech, anarchisch und neu. Doch das Fernsehen und der Humor haben sich weiterentwickelt. Was vor 15 Jahren noch für Schenkelklopfer sorgte, wirkt heute oft aus der Zeit gefallen. Kritiker bezeichnen seine neuen Auftritte als routiniert, aber ideenlos – ein “Best of” vergangener Tage, das den Anschluss an die Generation Z und die moderne Streaming-Ästhetik verpasst hat.
Das Konzept, einen fast 60-jährigen Entertainer als Retter einer jungen Zielgruppe zu installieren, wirkt zunehmend wie ein strategischer Fehlkalkül. Raab spielt seine alten Hits, doch das Publikum hat mittlerweile die Playlist gewechselt.
Ein Blick in die Zukunft: Durchhalten um jeden Preis?
Für RTL und Inga Leschek gibt es aktuell kein Zurück. Der Vertrag ist unterschrieben, das Prestige ist an den Erfolg geknüpft. Ein vorzeitiges Eingeständnis des Scheiterns käme einer Kapitulation gleich. Daher wird hinter den Kulissen nun „sorgfältiger kalkuliert“. Es ist zu erwarten, dass Formate angepasst, Sendeplätze verschoben und Konzepte überarbeitet werden.
Doch die Zeit läuft gegen den Sender. Je länger die Quoten im Keller bleiben, desto schwieriger wird es, die exorbitanten Kosten vor den Werbepartnern und den eigenen Aktionären zu rechtfertigen. Der „Großangriff“, den Raab starten sollte, gleicht momentan eher einem Rückzugsgefecht. Ob Stefan Raab noch einmal die Kurve kriegt und beweist, dass er sein Geld wert ist, oder ob dieser 90-Millionen-Deal als eines der teuersten Missverständnisse in die deutsche TV-Geschichte eingeht, werden die kommenden Monate zeigen. Eines ist jedoch sicher: Der Mythos der Unbesiegbarkeit, der Stefan Raab jahrzehntelang umgab, hat erste, tiefe Risse bekommen.